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von Dr. Andreas Heege
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Abb.3: Domino-SpielsteinDie Stadt Einbeck plant seit den 60er Jahren die Sanierung des Altstadtbereichs "Petersilienwasser". Das betroffene Gebiet von etwa 4500 m2 Größe liegt in der feuchten Aue des ehemaligen "Krummen Wassers". Dieser Bach trennte vor dem Bau der gemeinsamen Stadtmauer den Stiftsbezirk des späten 11. Jahrhunderts im Norden von der um 1150 entstandenen Altstadt im Süden. Die seit 1996 laufenden Ausgrabungen verfolgen gezielt Fragestellungen zur Baulandgewinnung, zur Stadtentwicklung, zum Hausbau, zur Wasserversorgung und zur Fäkalienentsorgung. Darüber hinaus galt es, einen aufgrund von Flurnamen bekannten Zehnthof zu lokalisieren, archäologische und botanische Funde zur Rekonstruktion der materiellen Kultur und der Lebensverhältnisse in einer Stadt des 13. - 16. Jahrhunderts zu bergen.

Mit dem Bau der Stadtmauer (ca. 1250 - 1300) wird das "Krumme Wasser" im Süden um die Stadt herumgeleitet. Nur ein kanalisierter Stadtbach, das "Petersilienwasser", durchfließt als Mühlbach und späterer "Dreckgraben" noch das Gelände. Die bis zu 200 m breite und innerstädtisch 600 m lange Aue des Krummen Wassers wird zur Gewinnung von Bauland mit Mist- und Lehm- und Abfallschichten um 0,5 - 1,0 m aufgehöht.

Es folgt eine am Verlauf des Petersilienwassers orientierte Bebauung mit Wohnhäusern, deren Fundamente als Pfosten-Schwellriegel-Konstruktionen, z.T. mit steinerem Unterbau, ausgebildet sind. Einer der Eichenpfosten konnte auf um/nach 1266 datiert werden. Die aufgrund des feuchten Untergrundes notwendige vielphasige Aufhöhung der Fußböden der Häuser mit Lehmestrichen und neuen Fundamenten erreicht bis zum Stadtbrand von 1540 eine Mächtigkeit von ca. 1,30 m.

Abb.1 : Ausschnitt aus der GrabungsflächeGleichzeitig entstehen als älteste Grundstücksgrenzen Flechtwerkzäune bzw. Gräbchen. Diese Grenzen bestehen in Form einer spätestens im 14. Jahrhundert einsetzenden Grenzbebauung der Hintergrundstücke durch steinerne Fundamente (Wirtschaftsgebäude, Scheunen) kontinuierlich bis in heutige Zeit. Der Steinbauphase der Wirtschaftsgebäude gehen in zwei Fällen hölzerne Pfosten-Schwellriegelbauten mit Flechtwerkwänden voraus. Die gesamte Steinbauphase brennt beim Stadtbrand 1540 ab und wird offensichtlich nur in Teilen wieder aufgebaut (Abb. 1).


Abb. 2: FasskloakeDer Entsorgung menschlicher Fäkalien dienen im 14. und 15. Jahrhundert Latrinen, deren Unterbau regelhaft aus Eichenholzfässern besteht, sog. "Faßkloaken". Bei der Analyse der Eichenjahrringe zur Datierung der Fässer (Dendrochronologie, DELAG Göttingen) stellte sich heraus, daß zum Bau der Kloaken z.T. unbrauchbar gewordene Herings- bzw. Salztonnen Verwendung fanden, die in Polen bzw. Ostniedersachsen gefertigt wurden. Im Gegensatz dazu entspricht das abgebildete Faß (datiert 1441 -6/+8 AD) mit einem Inhalt von ca. 400 Litern den üblichen Einbecker Biertonnen und dürfte wohl regionaler Herstellung sein (Abb. 2).

Der zentrale Bereich der Ausgrabungsfläche trägt die Flurbezeichnung "Auf dem Zehnthof". Hier werden seit dem 14. Jahrhundert auf einem bis dahin erstaunlicherweise unbebauten Gelände vier einander ablösende, scheunenartige Wirtschaftsgebäude errichtet, der "Zehnthof".

Der erste Scheunenbau hat eine O-W Seitenlänge von ca. 10,4 m. Der zweite, nur geringfügig nach Westen versetzte Baukörper der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts hat eine O-W Seitenlänge von ca. 12 m und besitzt im Norden und Osten eine große gepflasterte Hoffläche. Auf dem Hofplaster lag als besonders seltener Fund ein aus Kalkstein geschnitzter Domino-Stein des späten 15. Jahrhunderts (Abb. 3). Dieser Zeit zuzuordnen ist des weiteren eine Kastenkloake an der Westmauer mit einer Füllung des späten 15. Jahrhunderts, die u.a. ein fast vollständiges Keulenglas enthielt. Die dritte schlecht erhaltene, im Grundriss quadratische (?) Anlage des späten 15./ frühen 16. Jh. wird nach dem Abbruch der zweiten Bebauung durch eine gemauerte Parzellengrenze von den Häusern am Petersilienwasser getrennt (Abb. 1). Der Hof wird neu gepflastert.

Die vierte Bauphase stellt eine völlige Umgestaltung und Umorientierung der Anlage dar. Der nach ca. 1520/1530 neu errichtete Bau ist noch weiter nach Westen verschoben und jetzt N-S orientiert. Er hat eine Länge von 22,40 m bei einer Breite von 8,80 m und ist in sechs identisch große Räume geteilt. Jeder dieser Räume beinhaltet eine Feuerstelle oder einen Kachelofen sowie einen kleinen Halbkeller von ca. 6 m2 Grundfläche. Nach dem Stadtbrand von 1540 wird der Bau wieder aufgebaut und besteht bis in das frühe 18. Jh. in unveränderter Form.

Da Unterhaltungsmaßnahmen für diese Baulichkeit in den städtischen Rechnungen des 17. und 18. Jh. nicht auftauchen, kann der "Zehnthof" nicht zu den klösterlichen Liegenschaften gehören, die nach der Reformation an die Stadt fallen. Es steht vielmehr zu vermuten, daß es sich, obwohl außerhalb des Stiftsbezirks auf städtischem Gebiet gelegen, um Besitz der Stifte St. Alexandri oder Beatae Mariae Virginis handelt. Beide Stifte wurden erst in der Mitte des 19. Jh. endgültig aufgehoben.
(Erstveröffentlichung: Archäologie in Niedersachsen 1998, 86-87, Isensee-Verlag, Oldenburg.)

Dr. Andreas Heege
Stadtarchäologie Einbeck
Postfach 1824
37559 Einbeck

Abbildungen

Abb. 1 Einbeck, Petersilienwasser. Ausschnitt aus der Grabungsfläche 1997. In der unteren Bildhälfte Fundamente und Bauspuren der Häuser am Petersilienwasser, die beim Stadtbrand 1540 abbrannten. Davon durch eine Mauer getrennt, liegt die Hoffläche der dritten Zehnthofphase aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts (Foto Stadtarchäologie).

Abb. 2 Einbeck, Petersilienwasser. Faßkloake aus anderthalb Bierfässern, datiert 1441 -6/+8 (Foto Stadtarchäologie).

Abb. 3 Einbeck, Petersilienwasser. Spielstein (Domino) geschnitzt aus Kalkstein, spätes 15. Jahrhundert (Foto Stadtarchäologie).