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zurück zum Überblick Veröffentlichungen Ein Kachelofen aus dem Jahr 1540
ein Einbecker Stadtbrand als archäologischer Glücksfall


von Dr. Andreas Heege
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Abb. 1: Die BaugrubeSeit dem späten 12. Jahrhundert ist in Einbeck aufgrund von Töpfereiabfällen die Produktion von Ofenkacheln vor Ort nachgewiesen. Die Töpferei am Negenborner Weg fertigte die ältesten, spitzbodigen Becherkacheln. Aus der Abwurfhalde vor dem Tiedexer Tor, die vermutlich dem Einbecker Töpfer und Ratsziegler Hans Cordes zugewiesen werden kann, stammen vor allem rote und graue, aber auch weiß engobierte und grün glasierte Napfkacheln des späten 15. und des frühen 16. Jahrhunderts. Der Töpferofen nebst Abfällen im mittleren Torhaus des Altendorfer Tores ist der Wiederaufbauphase nach den Stadtbränden von 1540 und 1549 zuzuordnen. Der namentlich nicht bekannte Töpfer fertigte nach der neuesten Mode grün und schwarz glasierte Blattkacheln u.a. sogenannter Reformationsöfen an. Daneben wurden aber auch immer noch Napfkacheln hergestellt.

Mit der Existenz von Kachelöfen ist gleichzeitig auch das Vorhandensein einer rauchfreien, beheizbaren Stube in den Einbecker Bürgerhäusern belegt. Die Entwicklung vom nur durch die offene Feuerstelle geheizten "Rauchhaus" zum Haus mit verschiedenen rauchfreien Bereichen vollzog demnach in Einbeck bereits in der Zeit um 1200.

Erstmalig ist es 1997 gelungen nicht nur einzelne Ofenkacheln und Produktionsreste sondern auch die Reste eines noch teilweise stehenden Kachelofens in einer Notgrabung zu untersuchen. Diese Möglichkeit verdanken wir dem Stadtbrand von 1540, bei dem Einbeck vollständig eingeäschert wurde. Seine Spuren finden sich überall in Einbeck, jedoch sind sie auf der Parzelle Hohe Münsterstraße 24 in ungewöhnlicher Mächtigkeit erhalten und nur in einem Teilbereich durch einen Keller- und Hausbau des Jahres 1904 zerstört worden (Abb. 1).

Auf dem zwischen 1540 und 1904 nicht wieder überbauten Grundstück stand 1540 eine sog. "Bude", also ein Haus ohne Braurechte. Der im Grundriß ca. 5 m tiefe und ca. 7 m breite, auf Kalkbruchsteinen fundamentierte Fachwerkbau, war im Inneren durch eine Fachwerkwand in eine Diele und eine Stube geteilt. Die Diele mit ebenerdiger, steingepflasterter Herdstelle im Stampflehmfußboden war ca. 3 m breit und 4,20 tief. Die kleinere, mit Fußbodenbrettern aus Nadelholz versehene Stube war vermutlich 2,40 m breit und 4,20 m lang. Im Brandschutt hatte sich die Trennwand mit einer Höhe von noch 60 cm erhalten. Die verkohlte Türschwelle und das verbrannte eiserne Türschloß der Stube konnten dokumentiert werden, ebenso die Türangeln.

Abb. 2: KachelofenIn den Winkel zwischen westlicher Hausrückseite und der Fachwerkwand der Diele war in der Stube ein Kachelofen eingebaut, der von der Diele aus durch ein mit Sandsteinplatten ausgekleidetes Schürloch von 25 x 30 cm befeuert wurde. Das Fundament bildeten zwei Lagen großer Sandsteinplatten, auf denen die 6-7 cm starke Ofenwandung mit den Napfkacheln unmittelbar aufsetzte. (Abb. 2 und 3). Die Grundfläche des Ofens betrug ca. 70 x 90 cm. Ein ca. 20 cm breiter Abstand zur Hausrückwand war mit Steinen aufgefüllt. Je Kachellage waren vermutlich 5-7 Kacheln verbaut, so daß sich aufgrund der vorgefundenen Fragmente von vermutlich mehr als 60 Kacheln eine Höhe von vielleicht 9 Kachellagen oder ca. 1,60 m ergäbe. Verbaut waren zu mehr als zwei Dritteln unglasierte rottonige Napfkacheln in zwei Größen. Ein weiteres Drittel bestand aus grünglasierten, rottonigen Napfkacheln von denen zwei ein Verzierung des Bodens in Form einer Rosette aufweisen.

Abb. 3: Die OfenkuppelDer Ofenlehm, d.h. die Füllmasse der Ofenwandung zwischen den Kacheln, ist beim Brand hart verziegelt. Nur aus diesem Grund und weil Teile der Ofenkuppel in Versturzlage vor dem Ofen liegen blieben (Abb. 3), sind uns die plastischen Applikationen des Ofens erhalten geblieben. Über einer runden Sandsteinplatte, die den Ofen ursprünglich nach oben abschloß, erhob sich eine Ofenbekrönung in Form von mindestens vier unterschiedlich hohen Stufengiebeln. Den Korpus des Ofens gliederte ein rillenverzierter horizontal verlaufender plastischer Wulst, der flach an der Stubenwand ansetzte. Er belegt, daß der Ofen kaum als im Querschnitt runder Turm rekonstruiert werden darf, sondern, daß die Ofenwandung wohl nur einen Viertelkreis beschrieb. Haken- oder nasenförmige Applikationen, die ursprünglich wohl nach oben zeigten gaben dem Ofen ein "bizarres Aussehen". Von ihnen konnten 20 Stück geborgen werden.

Daß in einer Bude des Jahres 1540 noch solch ein einfacher Kachelofen mit Napfkacheln stand, obwohl schon Jahrzehnte vorher, auch in Einbeck, aufwendigere Kachelöfen aus glasierten gotischen Maßwerk-Nischenkacheln oder Blatt- und Blattnapfkacheln auf dem Markt zu haben waren, kann möglicherweise mit der niedrigen sozialen Stellung des nicht brauberechtigten Hausbesitzers erklärt werden.
(Erstveröffentlichung: Archäologie in Niedersachsen 1998, 88-89, Isensee-Verlag, Oldenburg.)

Stadtarchäologie Einbeck
Postfach 1824
37559 Einbeck

Abbildungen

Abb. 1 Einbeck, Hohe Münsterstr. 24. Die Baugrube im Februar 1997. Der Keller und die Fundamente des Jahres 1904 sind entfernt. In der linken Bildhälfte die 1540 abgebrannte Bude (Foto Stadtarchäologie).

Abb. 2 Einbeck, Hohe Münsterstr. 24. Der Kachelofen nach Entfernung der Versturzschichten (Foto Stadtarchäologie).

Abb. 3 Einbeck, Hohe Münsterstr. 24. Die Ofenkuppel mit einem Teil der plastischen Applikationen in Versturzlage auf dem Stubenfußboden (Foto Stadtarchäologie).