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Funde aus einer Abfallgrube in Einbeck


von Dr. Andreas Heege
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Auf dem Grundstück Geiststraße Nr. 5b wurde 1998 ein Lebensmittelmarkt errichtet. Dort stand im 19. Jahrhundert die Tapetenfabrik Herting. Begleitend zu den Bauarbeiten wurden archäologische Untersuchungen durchgeführt, die sich auf den flachen Bodenabhub und die Streifenfundamente beschränken mußten. Trotzdem konnten für Einbeck bedeutende Funde geborgen werden. Diese verdeutlichen schlaglichartig, wie zufällig trotz langjähriger stadtarchäologischer Tätigkeit das Wissen um die materielle Kultur des 16. Jahrhunderts und die Ausstattung von Einbecker Bürgerhäusern immer noch ist.

Im Hinterhof eines im 14./15. Jahrhundert errichteten Vorgängerbaus der Tapetenfabrik wurde nach dem Stadtbrand von 1540 eine rechteckige Grube unbekannter Funktion von ca. 2,5 x 2 m Größe mit Bruchsteinen ausgemauert. Die Sohle der Grube wurde mit Lößlehm ausgestrichen. Danach wurde sie 30 cm hoch mit einem kiesig-humosen Bodengemisch mit wenigen Scherben der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts aufgefüllt und mit einer 10 cm, starken blaugrauen Tonschicht abgedichtet. Im frühen 17. Jahrundert wurden die Bruchsteinwände teilweise ausgebrochen und die verbliebene Grube mit Abfällen verfüllt.

Das Fragment eines gußeisernen, gotischen Feuerbocks ist an erster Stelle zu nennen. Es handelt sich um ein Unikat. Vergleichbare Stücke sind auch in der weiteren Umgebung aus Ausgrabungen nicht bekannt, vermutlich weil unbrauchbar gewordenes Eisengerät normalerweise dem Altmetallhändler zum Einschmelzen verkauft wurde. Das Einbecker Stück zeigt auf der Vorderseite einen Bischof in vollem Ornat unter einem Wimperg. Das Aussehen eines vollständigen Feuerbocks vermittelt ein im Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, überliefertes Exemplar. Feuerböcke dieser Art wurden seit dem späten 15. Jahrhundert in den Eisenhütten der Eifel gefertigt. Sie standen paarweise in repräsentativen Kaminen oder ebenerdigen Küchenfeuerstellen und dienten als Stützen für das aufgeschichtete Holz.

Abb. 1: Majolika-FliesenEbenfalls zur häuslichen Feuerstelle, d.h. deren Wandverkleidung, können Bruchstücke von mindestens vier Majolicafliesen gehören, die mit negativ ausgesparten blau-weißen Palmettenkreuzen und orange-gelben Eckmustern bemalt sind (Abb. 1). Diese wurden ca. 1570-1600 in den Niederlanden (Zeeland, Haarlem oder Amsterdam) gefertigt. In Einbeck sind sie die ersten Nachweise für farbige Wand- oder Bodenfliesen der Renaissance. Die Fliesen und wenige zeitgleiche holländische Fayenceteller weiterer Fundstellen gelangten im Fernhandel nach Einbeck. Ein Zusammenhang mit dem Export von Einbecker Bier, das sich auch in Antwerpen, Amsterdam, Utrecht und Kampen nachweisen läßt, ist spekulativ.



Von der Menge unverzierten Gebrauchsgeschirrs und mit dem Mahlhorn verzierter Weserware hebt sich eine kleine Gruppe reliefverzierter Steinzeuggefäße ab. Ein großer Bienenkorbhumpen mit Wappenauflagen (Reichsadler, sächsisches Wappen) wohl sächsischer Herkunft ist leider nicht vollständig erhalten. Ein ähnlicher Humpen trägt Auflagen, die eine Jagd mit Hirsch, Hirschkuh und Wildschwein darstellen. Dieses Trinkgefäß dürfte aus dem Töpferort Duingen, Lkr. Hildesheim, stammen.

Abb. 2: Humpen mit LandsknechtmotivenVon besonderer Bedeutung ist ein zylindrischer, salzglasierter Humpen mit blauer Kobaltbemalung (Abb. 2). Sein umlaufender Relieffries zeigt Landsknechtsdarstellungen - den Captain, Fähnrich, Trommler und Pfeiffer, den Söldner mit dem Bidenhänder und den Büchsenschützen. Das Model, also die Form, mit der der aufgelegte Reliefstreifen geformt wurde, ist auf das Jahr 1598 datiert. Der Humpen gehört aufgrund von Parallelen in europäischen Museen, die mit Monogrammen versehen sind, zu den Produkten der Töpferfamilie Mennicken, die Ende der 1580er Jahre von Raeren in Belgien nach Grenzhausen im Westerwald umzog.

Von einem ebenfalls zylindrischen Humpen aus weißem Pfeifenton, der in Hanoversch-Münden hergestellt wurde, ist nur der Boden erhalten. Von weiteren reliefverzierten Steinzeuggefäßen fanden sich nur Wandscherben, dabei u.a. das Fragment ei-nes sog. "Igelgefäßes" vermutlich aus Waldenburger, d.h. sächsischer Produktion des frühen 16. Jahrhunderts.

Zahlreiche große Eisenblechfragmente, u.a. eine kleine Tür, können zusammen mit zwei ebenfalls vorhandenen gläsernen Destilierhelmen ("Alembiks") zu einem Heizofen eines "Laboratoriums" bzw. einer "Alchemistenküche" gehört haben.

Betrachtet man die Funde im Zusammenhang, so datiert die Masse in das späte 16. und frühe 17. Jahrhundert. Die Zusammensetzung des Fundspektrums und die ungewöhnliche Vollständigkeit zahlreicher Gefäße, machen es wahrscheinlich, daß es sich bei den Funden überwiegend um eine einzige Entsorgungsmaßnahme nach einem Schadensfall, z.B. im Rahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung, handelt. Die weitgestreute Herkunft der Humpen läßt den Verdacht aufkommen, daß diese als besonders gehütete Prachtstücke eines Sammlers und Chemikers bzw. Apothekers auf einer Anrichte oder in einem Schrank verwahrt wurden und so gemeinsam zu Schaden kamen, um schließlich in einer Grube entsorgt zu werden.

(Erstveröffentlichung: Archäologie in Niedersachsen 2, 1999, 127-129, Verlag-Isensee, Oldenburg.

Dr. Andreas Heege
Stadtarchäologie Einbeck
Postfach 1824
37559 Einbeck

Abbildungen

Abb. 1 Holländische Majolica-Fliesen, ca. 1570-1600. Gebraucht als Fußbodenbelag oder Wandverkleidung.

Abb. 2 Humpen mit Landsknechtsmotiven, datiertes Model 1598. Hergestellt von der Töpferfamilie Mennicken in Grenzhausen im Westerwald.