Startseite

 

zurück zum Überblick Veröffentlichungen Feuer in eines jeden Bürgers Haus
Von Feuerstellen, Rauchhäusern und Schornsteinen


von Dr. Andreas Heege
Ausgewählte Berichte
zurück
 

Abb. 1: HerdstelleSchön sind sie anzusehen, die Fassaden der zwei- bis dreigeschossigen Fachwerkhäuser in Einbeck mit ihren großen Dielentoren. Sie entstanden nach den beiden Stadtbränden von 1540 bzw. 1549. Die Frage, wie man in ihnen gelebt hat, wie ein solches Haus ursprünglich "funktionierte" und beheizt wurde, ist den Fassaden aufgrund vielfacher jüngerer Umbauten, vor allem des Erdgeschosses jedoch nicht abzulesen. Hierzu bedarf es einer langfristigen Kombination archäologischer und baudenkmalpflegerischer Forschung, die jede Baumaßnahme nutzt, um Informationen über die ursprüngliche Gestaltung des Erdgeschosses zu sammeln.

Die Ausgangslage ist dabei in Einbeck relativ gut, da die Neubauten der Mitte des 16. Jahrhunderts regelhaft auf einer dicken Brandschicht errichtet wurden und auf diese Weise den Erdgeschosszustand der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts konservierten. Ausgrabungen der letzten Jahre haben für das Erdgeschoss verschiedene Gliederungskonzepte ans Tageslicht gebracht, die gleichzeitig Einfluss auf die Lage der häuslichen Feuerstelle und damit der Küche haben konnten.

Abb. 2: Herdstelle mit MahlsteinZum einen gibt es vor und nach 1540 Häuser ohne erkennbare Unterteilung des Erdgeschosses. In einzelnen Fällen öffnet sich die zwei Geschosse hohe Diele als Durchfahrt auch auf den Hinterhof. Der Fußboden kann aus Stampflehm bestehen oder mit den unterschiedlichsten Materialien (Sandstein, Kalksteingerölle, Tonplatten, Backsteine, Dachziegelbruch) teilweise oder flächig gepflastert sein. Die Feuerstelle ist dann oft Bestandteil dieser Pflasterung und liegt mittig oder leicht seitlich verschoben in der großen Diele (Abb. 1).

Häufig ist die sekundäre Verwendung abgearbeiteter Mahlsteine aus Sandstein belegt (Abb. 2).

Die Verrußung des Balkengerüstes im Hausinneren belegt, dass es sich um Rauchhäuser, d.h. Gebäude ohne Schornstein handeln dürfte. Die mit Wellerhölzern besonders isolierte Stube mit dem Kachelofen war in diesen Fällen im ersten Obergeschoss seitlich der Diele untergebracht. Die Last dieses Bauteiles wurde an die Fußbodenbalken des zweiten Obergeschosses gehängt.

Des weiteren gibt es um 1500 Belege für Dielen mit schmalen seitlich abgetrennten Räumen und Häuser bei denen im hinteren Hausdrittel ein oder zwei Räume mit einem schalen mittigen oder seitlichen Flur abgetrennt waren. In diesen Fällen liegt dann die zentrale Feuerstelle seitlich in der Diele oder davor in der vorderen Haushälfte. Nach der Lage in Wandnähe kann in einzelnen Fällen die Existenz eines Rauchfangs mit anschließendem Schornstein nicht ausgeschlossen werden (Abb. 2).

Bei den Untersuchungen einer acht Häuser umfassenden Straßenzeile am Petersilienwasser konnte 1998 erstmals dokumentiert werden, dass im Falle von vier Häusern die älteren, variabel liegenden Feuerstellen der Zeit um 1500 kurz vor 1540 mittig an eine Hauslängswand verlegt wurden. In einem nächsten Schritt tat der jeweilige Nachbar dasselbe (Abb.2). Dieser Sachverhalt kann wohl mit dem Anschluss zweier Rauchfänge an einen Schornstein erklärt werden. Die Einbecker Polizeiordnung von 1573 regelte in diesem Fall den gemeinsamen Besitz der Wand und die Frage wer den Schornstein kehren musste.

Abb. 3: Älteste Stadtansicht von EinbeckWie wichtig für die Wohnqualität die Rauchfreiheit bestimmter Gebäudeteile war, belegt die archivalische und archäologische Überlieferung sogenannter "rokpipen" (Rauchrohre) für das Jahr 1494 bzw. die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Diese, hergestellt von dem Töpfer und Ratsziegler Hans Cordes, fanden wohl für den Rauchabzug von Kachelöfen in den oberen Stockwerken Verwendung.

Will man der ältesten Stadtansicht von 1595 Glauben schenken (Abb. 3), so besaßen damals nur ganz wenige Häuser Schornsteine. Im Verhältnis stellt der nicht in allen Details zuverlässige Stich von Merian aus dem Jahr 1654 eine wesentlich größere Anzahl dar, möglicherweise ein Hinweis auf die sich allmählich vollziehenden Nutzungsänderungen im Zusammenhang mit dem Niedergang des Einbecker Brauwesens.

(Erstveröffentlichung: Archäologie in Niedersachsen 2, 1999, 130-132, Verlag-Isensee, Oldenburg.

Dr. Andreas Heege
Stadtarchäologie Einbeck
Postfach 1824
37559 Einbeck

Abbildungen

Abb. 1 Knochenhauerstr. 21. Runde Herdstelle des Wiederaufbaus aus dem Jahr 1549 aus zerbrochenen Sandsteinplatten.

Abb. 2 Haus Petersilienwasser Nr. 3 (1998): Ältere Herdstelle mit Mahlstein. Zur Wand des Nachbarhauses verschoben liegt im Bild rechts oben die jüngere Feuerstelle unmittelbar aus der Zeit vor 1540.

Abb. 3 Älteste Stadtansicht von Einbeck, 1595. Auffällig ist die geringe Zahl dargestellter Schornsteine. Zufall oder Realität?