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Der folgende Rückblick wurde dem unten genannten Beitrag entnommen.

Einbecker Jahrbuch

Band 44

  Einbeck 1995

 1895 - 1995

 100 Jahre Einbecker Geschichtsverein

 Rückblick, Aktivitäten, Ehrungen

 Von Hellmut Hainski 

Rückblick

Der Rückblick auf 100 Jahre Einbecker Geschichtsverein soll einleitend dem Umfeld jener Zeit und der Vorgeschichte der Vereinsgründung gelten. 1819 war in Frankfurt am Main durch den Freiherrn vom Stein die Gesellschaft für "Deutschlands ältere Geschichtskunde" gegründet worden, in Hannover entstand 1835 der "Historische Verein für Niedersachsen" und im südlichen Niedersachsen 1868 der "Harz - Verein für Geschichte und Altertumskunde". In Göttingen wurde 1892 ein "Geschichtsverein für Göttingen and Umgebung" gegründet. Diese und zahlreiche weitere Geschichtsvereinsgründungen belegen das gestiegene Interesse breiter Bevölkerungs- schichten bzw. des Bürgertums an der eigenen Stadt- und Regionalgeschichte.

Der Einbecker Geschichtsverein war allerdings, trotz des Zeitgeistes, kein spontaner Zusammenschluss Gleichgesinnter. Die Gründung ging letztlich auf einen Anstoß des städtischen Magistrats zurück, der durch wiederholte Anfragen des hildesheimischen Regierungspräsidenten gedrängt worden war, sich um die Einrichtung einer Altertumssammlung und die Gründung eines Altertumsvereins zu bemühen.

Die Einrichtung einer Museumssammlung wurde schon 1894 verwirklicht. Neben Altertümern aus dem Besitz der Stadt, die schon Ende der l880er Jahre im Rathaus aufbewahrt wurden, hatten viele Einbecker auf einen Aufruf des Magistrats hin, Gegenstände aus ihrem Besitz leihweise oder als Geschenk zur Einrichtung eines Museums zur Verfügung gestellt. Somit konnte im Juli 1894 eine erste Ausstellung in der St. Spiritus-Kapelle erfolgreich präsentiert werden.

Abb. 1 Bürgermeister Paul Troje

Neben dem Bürgermeister Troje  (Abb. 1), dem Motor des Vorhabens, sind Oberlehrer Dr.   Ellissen (Abb. 2) und Stadtbaumeister Jürgens als die Schöpfer dieses städtischen Museums zu nennen; sie wurden unterstützt von Oberlehrer Schlömer und Webeschuldirektor Körner. Fast alle diese Namen finden sich auch im späteren Vereinsvorstand wieder.

Nach diesem ermutigenden Anfang beabsichtigte der Bürgermeister in einem zweiten Schritt, die Betreuung der Sammlung und deren Erweiterung, einem zu gründenden Museumsverein zu übertragen.

Das lnitiieren von Vereinsgründungen war in den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts ein häufig verwendetes Mittel, gemeinnützige Projekte zu verwirklichen ohne die öffentlichen Kassen zu strapazieren. So ließ der Magistrat am 17. April 1895 in der Einbecker Zeitung eine Bekanntmachung veröffentlichen.

"Es geht über die Aufgaben des Magistrats hinaus, dauernd das Museum zu leiten. Der Magistrat ist gewillt, einen Verein ins Leben zu rufen und dafür Unterschriften zu sammeln. "

 

 Abb. 2 Oberlehrer Otto Adolf Ellissen (1859-1943).

Bei der Überlegung, welche Einwohner potentielle Vereins—Mitglieder sein konnten, konzentrierte man sich auf den Personenkreis der Museumsförderer, und der Bureau-Assistent des Magistrats erstellte weisungsgemäß ein "Verzeichnis derjenigen Personen, welche in dem städtischen Museum Gegenstände ausgestellt haben und muthmaßlich zum Museums-Verein beitreten wollen". Diese Liste wurde mit einem kurzen Anschreiben vom 22, April als Umlauf reihum dem ausgewählten Personenkreis vorgelegt. Der Text war kurz und sehr direkt gehalten:

"Wir haben im vergangenen Jahr hier ein Alterthum-Museum eingerichtet. Zum Zweck der Bildung eines Museums-Vereins bitten wir die in dem anliegenden Verzeichnis benannten Herren ihre Erklärung geneigtest abgeben zu wollen, ob Sie geneigt sind, dem Vereine beizutreten oder nicht. Indem wir gleichzeitig auf Sonnabend, den 27.d.Mts, Abends 8 1/4 Uhr zu einer Versammlung im Hotel zum Kronprinz einladen, zeichnen wir Hochachtungsvoll gez. Troje"

Ein nicht unwichtiger Nachsatz lautete: "Der Vereins-Beitrag wird sich jährlich auf etwa 1 Mark stellen." Nach dem erfreulichen Ergebnis der Umfrage, ca. 180 Einwohner gaben ihre Unterschrift, fand die Gründungsversammlung am 27. April 1895 statt. Dem Protokoll der Versammlung ist zu entnehmen, dass die Bereitschaft zum Vereinsbeitritt, nicht auch mit der Bereitschaft gleichzusetzen war, die Gründung aktiv voranzutreiben. An der Zusammenkunft nahmen lediglich sechzehn Herren teil.

Diese zur Gründung eines Vereins entschlossenen Männer wollten sich nicht auf die Pflege des Museums beschränken. Zielsetzung war auch, die Geschichte der Stadt Einbeck zu erforschen. Es wurde daher vorgeschlagen, der Vereinigung den Namen "Verein für die Geschichte und Altertümer der Stadt Einbeck" zu geben. Hier setzte also die Initiative von Einbecker Persönlichkeiten ein, die für den neuen Verein von vornherein mehr Eigenständigkeit und ein breiteres Aufgabenspektrum anstrebten. In der ersten Generalversammlung des Vereins am 28. Mai 1895 — dieser Tag ist jahrzehnte später als Gründungsdatum in der überarbeiteten Fassung der Satzung festgelegt worden - folgte man der Anregung eines der Gründungsmitglieder, die Arbeit des Vereins auch auf die Umgebung von Einbeck auszudehnen. Man einigte sich daher auf den Namen "Verein für Geschichte und Altertümer der Stadt Einbeck und Umgebung", Verabschiedete eine Satzung und wählte einen Vorstand aus sieben Herren.

Die im § 1 der Satzung verankerte Zielsetzung lautete:

"Der Verein bezweckt die Hebung des Interesses fuhr die Geschichte der Stadt Einbeck sowie der umliegenden Ortschaften und für deren Altertümer ". 

 

Der Magistrat übergab anschließend das Museum an den neugegründeten Verein. Für ihn waren die beiden eingangs genannten Aufgaben, Einrichtung von Altertumssammlung und Altertumsverein gelöst.

Dem Akt der Vereinsgründung ist noch nachzutragen, dass der Bureau- Assistent des Magistrats im Mai 1895 beglaubigte "Der Lohndiener Thewes ist nach seiner Angabe 3 1/2 Tage mit der Sammlung von Beitritts-Erklärungen zu einem zu gründenden Museums-Verein beschäftigt gewesen. Er liquidiert pro Tag 3 Mark in Summa = 10 Mark 50 Pfg."

Zum Zeitpunkt der ersten Generalversammlung nach der Vereinsgründung, im Januar 1896, waren 182 Mitglieder verzeichnet, 174 Herren und 8 Damen. Ein Blick in die Mitgliederliste, die nach der damals üblichen Weise auch die Berufsangabe enthielt, zeigt, dass quasi alle Einbecker Berufssparten vertreten waren, Es gab keine bestimmte Gruppierung oder Zuordnung, für die die Beschäftigung mit der Geschichte reserviert war; ein Umstand, der seit nunmehr 100 Jahren zur Tradition des Vereins gehört.

Abb. 3 Wilhelm Feise (1865-1948)

Die Vereinsarbeit der ersten Jahre galt zum großen Teil dem weiteren Ausbau und der Verwaltung des Museums. Der Vereinsvorsitzende war zugleich Leiter des Muse- ums. ln den Rechenschaftsberichten des Vereins nimmt die Aufzählung der Neuerwerbungen dafür einen großen Raum ein. Abgesehen von der Museumsarbeit veranstaltete der Verein Vorträge und Exkursionen, gab Jahresberichte heraus und setzte sich tatkräftig für die Erhaltung historischer und kulturgeschichtlicher Denkmäler ein. Es wurde den Rahmen dieses kurzen Ruckblicks sprengen, Beispiele aufzuzählen.

Der Verein gewann auch bald überregional Bedeutung: Er war beteiligt an der Gründung der Historischen Kommission im Jahre 1910, die später ebenso wie der Hansische Geschichtsverein und der Verein für niederdeutsche Sprachforschung mit ihren Jahrestagungen zu Gast in Einbeck war.

Die führenden Persönlichkeiten des Geschichtsvereins der ersten Jahr— zehnte waren Prof. Dr. Ellissen (Abb. 2), der erste Vorsitzende in der Vereinsgeschichte (1895 bis 1905) und Prof. Dr.h.c. Feise (Abb. 3; Vereinsvorsitzender von 1906 bis 1918). Die Stadt würdigte die Arbeit dieser Männer durch Benennung von Straßen. Dr. Ellissen verdanken wir grundlegende Arbeiten über Einbeck im 16. jahrhundert und einen ersten chronologischen Abriss der Geschichte Einbecks, der die wichtigsten Ereignisse bis etwa 1900 zusammenfasst. Wilhelm Feise, der sich mit nahezu allen Bereichen der Einbecker Geschichte befasste, hat als Hauptwerk die "Urkundenauszüge der Stadt Einbeck bis zum Jahre 1500" geschaffen, eine Arbeit, die in ihrer Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Er und Dr. Ellissen haben darüberhinaus für Jahrzehnte weiterhin im Vorstand mitgearbeitet.

 Abb. 4 Dr. Otto Fahlbusch (1888-1971).

Stadtbaumeister Best1 und Oberlehrer Dr. O. Fahlbusch (Abb. 4) waren dann die Vereinsvorsitzenden in der Zeit bis 1936. Dr. Fahlbusch gelang es, das Museum aus den unzureichenden Räumen der St. Spirituskapelle, ab Herbst 1932, mustergültig in den Räumen der ehemaligen Gendarmerieschule in der Baustraße neu aufzubauen.

1 Leider besitzen wir von Stadtbaumeister Best kein Foto. Wer kann helfen? 

Die unfreiwillige Abgabe des Gebäudes an die Wehrmacht beendete 1938 diese Entwicklung. Das Museum war kurz zuvor in die Hände der Stadt übergegangen, der Geschichtsverein blieb ihm jedoch weiterhin sehr eng verbunden. Nachfolger in der Vereinsleitung wurde Studienrat Georg Ernst (Abb. 5). Er hat dem Verein fast 30 Jahre — von 1936 bis‘1964 - vorgestanden.

 Nach dem Kriege, aus dem auch viele Vereinsmitglieder nicht zurückkehrten, trat der Verein erst wieder im Jahre 1948 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit und zwar im Zusammenhang mit der ersten "Einbecker Woche", 

Abb. 5 Georg Ernst (1892-1984) und Alfred Feise (1872-1960) im Gespräch.

einer kurz nach der Währungsreform geschaffenen Industrieausstellung. Der Verein zählte damals nur noch 115 Mitglieder. Der rührigen Öffentlichkeitsarbeit des Vereinsvorstandes unter Georg Ernst, durch Veröffentlichung zahlreicher Aufsätze, durch Vorträge zur Geschichte des Einbecker Raumes und durch regelmäßig abgehaltene "Klonabende" gelang es bis 1956, die Mitgliederzahl mit 217 fast auf das Doppelte zu steigern.

Abb. 6 Dr. E. Plümer (1927-1992).

Abb. 7 Dr. U. Matthes (1912-1988). 

Abb. 8 Horst Hülse (1934-1994). 

In der Zeit, als Museumsleiter und Stadtarchivar Dr. Erich Plümer (Abb. 6) zugleich auch 1. Vorsitzender war, wurde der "Verein für Geschichte und Altertümer der Stadt Einbeck und Umgebung" durch Beschluss einer Satzungsänderung im März 1966 in

"Einbecker Geschichtsverein e.V."

umbenannt.

ln der Funktion Vereinsvorsitzender folgten von 1977 bis 1986 Frau Dr. Matthes (Abb. 7) und von 1986 bis 1994 der leider viel zu früh verstorbene Horst Hülse (Abb. 8), dessen Amtszeit durch eine besonders rege Veröffentlichungstätigkeit des Vereins gekennzeichnet ist. Seit 1995 leitet Erich Strauß2 als 1. Vorsitzender den Verein.

 

[2. Anmerkung des Webmasters: Erich Strauß war Erster Vorsitzender bis 1999. Ihm folgte Hellmut Hainski, der das Amt bis 2009 ausführte und 2010 zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Seit 2009 leitet Dr. Elke Heege den Verein.]

Mit Blick auf die Einbeck-Geschichtsforschung lässt sich feststellen, dass ihr erster Aufschwung in der Mitte des 19. Jahrhunderts dem in den Tagen der Romantik neu aufgelebten Gefühl für geschichtliches Leben entsprang.

Der Mitgliederbestand stieg von 220 (1977) auf 360 (1985) an und wuchs bis 1994 weiter auf 585. lm 100. Jahr seines Bestehens wurde im Februar 1995 erstmalig ein Bestand von über 600 Mitgliedern erreicht. lm Unterschied zum Gründungsjahr lässt sich konstatieren, dass der Anteil der Damen, damals 4,4%, nunmehr 50% ausmacht!

Leider entspricht diesem großen Anteil weiblicher Mitglieder keine vergleichbare Besetzung des Vorstandes.

Abb. 9 Stiftskantor H.L. Harland (1813-1884) in einer Männergesellschaft. Undatierte Aufnahme.

ln Einbeck beschränkte sich dieser erste Aufschwung auf einige wenige Namen, vor allen anderen ist dabei der Stiftskantor Heinrich Ludolf Harland zu nennen (Abb. 9). Dem Bemühen Harlands (1813 - 1884) verdankt die Stadt die zweibändige "Geschichte der Stadt Einbeck" (1854 und 1859), sie ist noch heute ein unentbehrliches Hilfsmittel der örtlichen Geschichtsforschung. Für den genannten Zeitraum gilt, dass die geschichtswissenschaftliche Tätigkeit in Einbeck in ihren Leistungen und in ihrem Umfange von dem Interesse und Bemühen Einzelner abhängig war. Erst 1895 erreichte die Einbeck-Geschichtsforschung einen Zustand, der sie grundsätzlich von den vorhergehenden Jahrzehnten unterschied. Denn nunmehr war die Fortführung der örtlichen Geschichtsforschung über das Leben einer Einzelperson hinaus durch den "Einbecker Geschichtsverein" als dem Sammelpunkt der Heimatforschung und -pflege der Stadt Einbeck gesichert und ihr eine wesentlichere organisatorische und wissenschaftliche Grundlage ermöglicht.